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Werner Müller

Werner Müller* stimmt der Organspende seiner verstorbenen Ehefrau Beate im März 2006 zu

Werner Müller lebt in Gelnhausen, einer Kreisstadt am östlichen Rand des Rhein-Main-Gebietes.

 

Werner Müller ist ORGANPATE, weil er die Organspende als einen Akt der Nächstenliebe betrachtet.

Während der ersten Monate nach dem Tod seiner Frau Beate hat Werner Müller nachts oft keinen Schlaf finden können. Ihn trieb es immer wieder vor die Tür. Oft lief er mehrere Stunden umher, seine Gedanken kreisten stets um dieselben Fragen und er versuchte das Geschehene zu verarbeiten.

Eine Vorahnung

In diesen Nächten grübelte er auch darüber, ob seine Frau eine Vorahnung gehabt hatte, und möglicherweise spürte, dass ihr Leben bald beendet sein würde. Diese quälenden Gedanken gehören möglicherweise dazu, wenn man den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten muss. Doch Werner Müller findet genügend Anlass für seine Annahmen: „Wir sind in der Zeit vor dem Tod meiner Frau häufig über den Friedhof spaziert und haben über den Abschied gesprochen“, blickt er auf die letzten gemeinsamen Monate zurück. Beate Müller nahm kurz vor ihrem Tod sogar eine CD mit Liedern auf, von denen sie sich vorstellen konnte, dass sie auf ihrer Trauerfeier gespielt werden.

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Werner Müller: „Sie hat irgendwo sich anscheinend für sich schon vorbereitet, also ich denke, sie muss etwas gespürt haben...“

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Werner Müller redet:

"Sie hat irgendwo sich anscheinend für sich schon vorbereitet, also ich denke, sie muss etwas gespürt haben. Für sich. Und das ist mir aber immer erst, ungefähr bis so ein halbes Jahr später, ist mir das bewusst geworden, dass sie irgendwo was gespürt haben muss. Sie hat eine CD gemacht mit den Liedern, die gespielt werden sollten auf der Andacht dann, und auch schon die Lieder, die gesungen werden sollten beim Gottesdienst, das hatte sie alles schon dargelegt gehabt, und auch über den Begriff Organspende haben wir lange Zeit gesprochen und waren uns alle einig, ich hab selbst schon lange einen Ausweis einstecken, und meine Frau hat auch immer gesagt, passiert mit mir auch, ich hab zwar keinen Ausweis, aber das möchte ich so. Und das war klar ausgesprochen zwischen uns, dass die Organe, die eben noch zu verwenden sind, dass die verwendet werden dürfen."


32 Jahre sind Beate und Werner Müller im März 2006 verheiratet. Die beiden erwachsenen Kinder haben das Elternhaus längst verlassen, leben in einer anderen Stadt. Beate Müller ist zu diesem Zeitpunkt als Küsterin tätig, engagiert sich im Gemeindeleben und ist ehrenamtliches Mitglied im Magistrat der Stadt Gelnhausen. Nachdem sie am Vormittag noch im Magistrat gearbeitet hat, klagt sie mittags über Kopfschmerzen. Sie geht nach Hause, um sich eine Weile auszuruhen. Dort setzt sich die 52-jährige in einen Sessel.

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Werner Müller: „Und wir haben noch ein bisschen, ja, uns geulkt...“

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Werner Müller redet:

"Und wir haben noch ein bisschen, ja, uns geulkt, weil sie morgens Vorhänge gewaschen hatte, und ich sag noch, ach komm, leg sie übern Stuhl und hängen wir später auf, sagte sie, nein, dann werden die wieder krumpelig, sagen wir bei uns, und sag ich, wenn ich sie nicht gleich aufhänge, dann wirst du krumpelig mit mir und das geht nicht, setz dich hin, ruh dich aus, und du hast noch Sitzung später."


Während ihr Mann Vorhänge aufhängt, verliert sie das Bewusstsein. Der herbeigerufene Notarzt transportiert die Bewusstlose in die nächste Klinik.

Werner MüllerBeate Müller fällt in ein tiefes Koma und reagiert nicht mehr auf äußere Anreize. Die Ärzte vermuten zunächst einen schweren Herzinfarkt. Doch diese Annahme bestätigt sich nicht. Die Situation ist dramatischer. Ein CT ergibt, dass Beate Müller ein Aneurysma erlitten hat. Die Schädigungen sind so schwerwiegend, dass eine Operation keine Heilung mehr verspricht. Die Mediziner der Hanauer Klinik und die Spezialisten in der Neurochirurgie in Offenbach sind sich einig, auf eine Verlegung  zu verzichten.

Organspende ist kein Tabu

Die behandelnde Ärztin in der Hanauer Klinik macht Werner Müller keine falschen Hoffnungen. Sie ist dabei aber sehr einfühlsam und ermöglicht ihm, seine Frau zu jeder Tages- und Nachtzeit zu besuchen. Werner Müller informiert seine beiden Kinder. Tochter und Sohn eilen herbei. Gemeinsam versucht die Familie die Situation zu begreifen und den Schmerz zu ertragen.

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Werner Müller: „Klar trifft einen so was, und dann war ich aber erst mal überrascht von der Ärztin...“

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Werner Müller redet:

"Klar trifft einen so was, und dann war ich aber erst mal überrascht von der Ärztin, wie einfühlsam sie eigentlich war und mir das so gesagt hat, und sie sagt, sie wollten meiner Frau diesen Stress ersparen, im Krankenwagen von Hanau nach Offenbach, das sind ja auch 20, 25 km, sagten, sie hätte das mitgekriegt, auch wenn sie im Koma gelegen ist, und das wollten wir ihr ersparen, sagten, wenn die anrufen und sagen, sie wird operiert, dann ist es gar nicht lange, dann steht der Hubschrauber da und dann wird sie nach Offenbach geflogen. Das hat sie mir alles erklärt und von daher, ich fühlte mich da wirklich aufgenommen, besser hätte es nicht sein können. Sie hat halt gesagt, es sieht so schlimm aus und ich möchte ihnen keine falschen Hoffnungen machen, nur sagte sie dann eben, sie sagt, dann müssen die Ärzte den Hirntod feststellen. Ich war ja, habe eine Ausbildung als Sanitäter bei der Bundeswehr mitgemacht, es war nicht ganz so fremd für mich. Ich konnte damit was anfangen und es hat mich nicht so aus den Schuhen gehauen, weil ich wusste, was es bedeutet, der Hirntod, und hatte im Gefühl schon so, dass es bei meiner Frau soweit war mit dem Hirntod."


„Meine Tochter wollte gerne einen Pfarrer hinzuziehen“, erinnert sich Werner Müller. Der katholische Geistliche ist der erste, der das Thema Organspende anspricht. Für den Ehemann ist das kein Tabu. Gemeinsam haben sie schon darüber gesprochen, was geschehen soll, falls einem der beiden etwas zustoßen sollte. „Meine Frau war sehr eindeutig in ihren Ansichten. Sie wollte auf keinen Fall durch Apparate am Leben gehalten werden und war zudem fest entschlossen, ihre Organe zu spenden, falls dies möglich ist“, erzählt Werner Müller.

Das Prinzip der Nächstenliebe

Werner MüllerFür ihn kommt die Anmerkung des Seelsorgers, über eine Organspende nachzudenken, daher wenig überraschend. Gegenüber den Ärzten greift der Ehemann das Thema einen Tag später sogar selber auf. Es gehört für die Eheleute Müller zum Lebensprinzip, anderen Menschen zu helfen, wann immer dies möglich ist. Zwei Tage nach der Einlieferung stimmt Werner Müller schließlich einer Organspende durch seine Frau zu.

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Werner Müller: „Logischerweise wenn das soweit ist, dass jemand an den Punkt kommt, wo man dann entscheiden muss...“

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Werner Müller redet:

"Logischerweise wenn das soweit ist, dass jemand an den Punkt kommt, wo man dann entscheiden muss, war bei mir in dem Moment alles ausgeblendet, da habe ich da überhaupt nicht dran gedacht. Aber da war ich auch dem Pfarrer dankbar mich darauf hinzuweisen, aber die Entscheidung für oder gegen, die war schon viel früher getroffen, das Dafür. Das war bevor die Situation so eintrat, stand es fest, das war auch dann kurz danach immer noch, dass es richtig war, diese Entscheidung, und es verfestigt sich immer mehr, bis zum heutigen Tag verfestigt sich diese Meinung immer mehr, dass die Entscheidung Organspende das Richtige war."


„Es war der Wunsch meiner Frau, Menschen über den eigenen Tod hinaus helfen zu können und ihre Dankbarkeit für das eigene Leben an andere weitergeben zu können“, sagt Werner Müller. „Diesen Wunsch konnten wir ihr erfüllen.“  Für ihn hat der Gedanke daran etwas Tröstliches.  Dabei helfen auch die Treffen und die Gespräche mit anderen betroffenen Angehörigen, die von der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) organisiert werden.

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Werner Müller: „Wir wurden auch gleich dann zum Ende des Jahres, oder im Jahr darauf, eingeladen...“

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Werner Müller redet:

"Wir wurden auch gleich dann zum Ende des Jahres, oder im Jahr darauf, eingeladen zu dem Angehörigentreff und wurden dort sehr, sehr freundlich empfangen, und kann man nur sagen, also, alle Achtung, was die DSO leistet, und bis heute fühle ich mich immer wohl, wenn wir zu den Angehörigentreffen fahren, wie umgegangen wird mit den Menschen, mit den Angehörigen und auch grad mit den Angehörigen, denen das im Krankenhaus nicht so gut vermittelt wurde wie uns. Das ist unwahrscheinlich, was das hilft, für einen selbst immer wieder das zu verarbeiten und damit klar zu kommen, diese Angehörigentreffen zu besuchen."


Engagement für Afrika

Ein Pfarrer aus Malawi, der eine Gemeinde in Gelnhausen betreut und mit dem die Eheleute Müller sehr eng befreundet sind, besucht Beate Müller auch noch im Krankenhaus. Gemeinsam mit der Familie nimmt er Abschied von ihr. Es ist ein bewegender und feierlicher Moment, in dem die Familie sich noch einmal sammelt. Die Andacht und die anschließende Beisetzung werden so gestaltet, wie sich Beate Müller das vorgestellt hat.

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Werner Müller: „Sie hat die Kleidung anbekommen, die sie sich gewünscht hat, das heißt, sie hat afrikanische Kleidung angehabt...“

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Werner Müller redet:

"Sie hat die Kleidung anbekommen, die sie sich gewünscht hat, das heißt, sie hat afrikanische Kleidung angehabt im Sarg, sie wurde zugedeckt mit einem Stoff, den wir von der letzten Afrikareise mitgebracht haben, und das war wirklich sehr, sehr schön gemacht und auch würdevoll, und da konnten wir nochmal außerhalb des Krankenhauses wirklich in aller Ruhe Abschied nehmen, auch unter keinem Zeitdruck, der uns gesetzt wurde dort, wir konnten dann Abschied nehmen. Mehr hätten wir nicht mehr tun können für sie und haben gesagt, wir haben zumindest ihrem Wunsch entsprochen, was sie gesagt hat, was mit ihrem Körper passiert, und genauso, sie hat den Grabstein gekriegt, den sie sich ausgesucht hat, da habe ich eine Zeichnung machen lassen und er hat genau das gekriegt, dass er ihren, ihren Wunsch haben wir erfüllt, und wir konnten Abschied nehmen und wirklich zum Schluss nochmal sagen, geh deinen letzten Weg, und wir müssen da bleiben und irgendwann sehen wir uns wieder, es war wirklich sehr schön gemacht."


Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe leiten die Eheleute nicht nur zu Hause, sondern motivieren sie auch, die Partnerschaft mit einer Gemeinde in Malawi zu initiieren, die Werner Müller bis heute weiterführt. Das Ehepaar Müller reist insgesamt drei Mal nach Malawi. Mit den Spenden, die sie in Gelnhausen sammeln und an die Anglikanische Diözese von Nordmalawi weitergeben, unterstützen sie die Arbeit einer Schule und eines Krankenhaus auf Likoma Island. Aus dieser Haltung heraus ist für Beate und Werner Müller die Entscheidung pro Organspende eine logische Konsequenz.

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Werner Müller: „Die DSO hat uns benachrichtigt, indem sie uns einen Brief geschrieben hat...“

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Werner Müller redet:

"Die DSO hat uns benachrichtigt, indem sie uns einen Brief geschrieben hat, dass größere Organe, drei größere Organe entnommen wurden, das heißt, die Leber wurde verpflanzt, die beiden Nieren wurden verpflanzt und die beiden Augenhornhäute wurden verpflanzt. Und da wurde uns mitgeteilt, die Leber hat eine Frau gekriegt, die Nieren eine Frau und ein Mann, und die Augenhornhäute zwei Frauen. Und dann dementsprechend dazu das Alter von den Empfängern, und das hat schon auch mal wieder eine Beruhigung gegeben, also, du hast doch wieder so viel Menschen helfen können damit, und auch dann die Erläuterung noch dazu, dass es den Menschen gut geht, medizinisch gesehen, und das hat schon wieder ein Glücksgefühl auch wieder hervorgerufen, wird immer wieder bestätigt, dass die Entscheidung richtig war."


Nah an den Menschen

Werner Müller ist wie seine verstorbene Ehefrau als Küster beschäftigt. In diesem Beruf ist er sehr nah an den Menschen und ihren Sorgen. Er sieht sich als wichtiges Bindeglied zwischen Pfarrer und Gemeinde. Ein Ohr und ein Gefühl für die Mitmenschen zu haben, sind für ihn selbstverständlich. Hinzu kommt die Haltung, über den eigenen Tod hinaus zu denken. Diese für ihn zutiefst christliche Einstellung hat er stets mit seiner Frau geteilt und sie ist bis heute ein wichtiger Teil seines Denkens.

Werner MüllerDie Frage, ob seine Frau in ihren letzten Lebensmonaten tatsächlich eine Vorahnung hatte, dass sie bald sterben würde, kann Werner Müller natürlich nicht beantworten. Aber wenn es so war, dann ist es umso wichtiger gewesen, dass sie miteinander über Themen gesprochen haben, die über den eigenen Tod hinaus Bestand haben. Diese Tatsache hat dem heute 62-Jährigen geholfen, wieder Fuß zu fassen, seine Trauer zu überwinden und sein eigenes Leben weiterzuführen.

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Werner Müller: „Ich würde das jederzeit wieder machen...“

Audiotranskription:

Werner Müller redet:

"Ich würde das jederzeit wieder machen. Ich sage immer, wenn wir jetzt von den Angehörigentreffen kommen und wir kriegen den Brief und da steht drin, den Leuten geht’s gut, dann sage ich, die Leute, die die Nieren gekriegt haben, das ist wie einen Hund von der Leine gelassen, die müssen nicht mehr an die Dialyse, die Frau, die die Leber gekriegt hat, die wäre vor neun Jahren schon gestorben. Sie haben diese Zeit noch, und jeder Tag, den die Mensch haben, ist ein Gewinn für die Menschen, und ich gucke dann immer mal zum Himmel und sage, lieb Mädchen, du sitzt auf Wolke Sieben da oben und kannst mit runtergucken, wie du noch auf Erden da bist, und du hast den Vorteil, dir tut nichts mehr weh, gar nichts mehr, aber du hast noch Menschen glücklich gemacht. Und das macht auch uns als Familie glücklich, wenn wir das immer hören."

 

 

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